Energieeffizienz - Deutschlands neuer Konjunkturmotor?

  Die Bundesregierung hat einen nahezu emissionsfreien Gebäudebestand zum Staatsziel erkoren: Öffentliche Einrichtungen wie zum Beispiel Kindergärten, Rathäuser oder Schulen sollen ab 2018 nur noch einen marginalen Heizenergiebedarf aufweisen dürfen. Für alle privaten Wohnbauten wird dieser Standard, der in etwa dem aktuellen Passivhausniveau entspricht, ab 2020 verbindlich vorgeschrieben.  

Diese Vorgaben entsprechen der Gebäudeenergieeffizienz-Richtlinie der Europäischen Union, die alle Mitgliedsstaaten verpflichtet, schon 2011 Programme zur flächendeckenden energetischen Sanierung ihrer Bestandsgebäude vorzulegen. Für Architekten und Bauhandwerker aller Disziplinen könnte deren Umsetzung ebenso zu einem beispiellosen Nachfrageschub führen wie für die gesamte Bauzulieferindustrie. Die energetische Sanierung des Gebäudebestandes liegt mithin im gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interesse.


Berliner Runde


Wie das übergeordnete Klimaschutzziel erreicht und der energetische Umbau der Gebäudelandschaft trotz immenser Staatsverschuldung bewerkstelligt werden kann, darüber berieten Anfang September Fachleute verschiedener Disziplinen im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) in Berlin. Eingeladen hatte die gemeinnützige Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt (AgPU) aus Bonn; die Diskussion leitete der Ahrensburger Kommunikations- und Konfliktberater Gerhard Jakubowski. 


Energiesparen attraktiver machen 


Kaum ein Bürger käme von sich aus auf die Idee, den Gegenwert eines Mittelklasse-PKW in bauliche Maßnahmen zu investieren, um etwas zu vermeiden, was er weder sieht noch riecht noch fühlt noch schmeckt. Den Ausstoß von Kohlendioxid alias CO2  zu minimieren, macht zwar Sinn, rangiert auf der Dringlichkeitsliste der meisten Privathaushalte aber nur an untergeordneter Stelle. Wenn es die Bundesregierung also ernst meint mit dem Klimaschutz und demzufolge den Gebäudebestand bis 2050 flächendeckend auf ein Null-Emissions-Niveau gebracht haben will, muss sie sich etwas einfallen lassen: Es gilt, den Bürgern die Gebäudesanierung durch geeignete kommunikative Maßnahmen schmackhaft zu machen. Oder, wie es ein Ministerialbeamter im BMVBS auf den Punkt brachte: „Energiesparen muss sexy werden!“


 Sparzwang kontraproduktiv


Ohne Moos nix los – das gilt natürlich auch am Bau. KfW-Mittel zu kürzen, um vorrangig die Staatsfinanzen zu sanieren, wäre nach Auffassung der meisten Fachleute kontraproduktiv.  „Die Bundesregierung hat erst kürzlich auf eine kleine Anfrage im Bundestag geantwortet, dass sie mit etwa 2 Mrd. € Fördermitteln – auch aus den Konjunkturpaketen – etwa 18 Mrd. € an Energiesparinvestitionen in Gebäuden angestoßen habe“, betont AgPU-Geschäftsführer Werner Preusker. Für ihn wie für die meisten anderen Teilnehmer der Berliner Runde steht fest, dass die energetische Sanierung des Gebäudegesamtbestandes in Deutschland ohne massive finanzielle Beteiligung der öffentlichen Hand nicht zu machen ist. Dies gilt umso mehr, als nur die wenigsten Wohneigentümer in der Lage sein dürften, kostspielige Energiesparmaßnahmen wie die Erneuerung der Heizungsanlage, den Einbau mehrfach verglaster Energiesparfenster oder die Optimierung der Wärmedämmung im Dachgeschoss und an der Fassade vom mühsam Ersparten zu bestreiten. Insofern ist der Bund gefordert, intelligente Konzepte auszuarbeiten, wie die energetische Ertüchtigung sanierungsbedürftiger Häuser mittel- und langfristig erfolgen kann, ohne den einzelnen Bürger unverhältnismäßig zu belasten oder die Staatsverschuldung weiter ausufern zu lassen. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang unter anderem die Idee, einen Deutschlandfonds einzurichten, aus dem sämtliche Investitionen in die energetische Ertüchtigung der Bestandsgebäude zu bestreiten wären.


Realistisch kalkulieren


Ein solcher Fonds, der beispielsweise 40.000 € für die Montage eines Wärmedämmverbundsystems zur energetischen Sanierung der Fassade eines Einfamilienhauses gegen einen Darlehenszins von 0,5 Prozent p. a. über ein Laufzeit von 20 Jahren finanziert, würde die erforderlichen Baumaßnahmen durch eine niedrige monatliche Rückzahlungsrate von weniger als 200 € für eine Vielzahl Privathaushalte erschwinglich machen. Dies könnte die Akzeptanz der Energiesparmaßnahmen und die Bereitschaft zur Mitwirkung umso mehr beflügeln, als die monatliche Darlehensrate gar nicht mehr allzu weit über der faktischen Heizkostenersparnis nach erfolgter Sanierung läge. Zum Vergleich: Ein Darlehen über die gleiche Investitionssumme käme bei einem banküblichen Zins von 4,5 % über 20 Jahre deutlich teurer: Der Hauseigentümer müsste 316,32 € pro Monat aufbringen. An eine hinlängliche Kompensation durch die Heizkostenersparnis nach der Modernisierung wäre bei dieser Summe kaum noch zu denken, sodass die Maßnahme ohne staatliche Fördermittel bzw. ohne Inanspruchnahme des diskutierten Deutschlandfonds wohl kaum zum Tragen käme.


Vorschläge für die Praxis


Dr. Kurt-Christian scheel, Abteilungsleiter Klima und nachhaltige Entwicklung beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), betonte, dass auf dem Weg zu einem wirklich energieeffizienten Gebäudegesamtbestand angesichts der verschiedenen Gebäudetypen und Eigentümerstrukturen ein sehr differenziertes Vorgehen erforderlich ist, um voranzukommen: „Was für Einfamilienhäuser passt, passt nicht für große Wohnsiedlungen im Eigentum kommunaler Wohnungsbaugesellschaften. Entscheidend ist ein differenzierter und kosteneffizienter Instrumentenmix“, so Scheel.  


Leerstände vermeiden


Auf den Bedarf kommunaler, genossenschaftlicher, gemeinnütziger wie gewerblicher Wohnungsunternehmen spezifisch ausgerichtete Finanzierungsmodelle wären ebenfalls zu suchen. Investitionen in den Erhalt und die Optimierung von Bestandsgebäuden sind umso vordringlicher, als Rückstellungen für aufwändige Sanierungen von Mehrgeschossgebäuden in der Regel nicht ausreichen. Hinzu kommt, dass umfassende Eingriffe in die Bausubstanz älterer Wohnblocks mit Entmietungen auf Zeit einhergehen, was Mietausfälle und Ausquartierungskosten nach sich ziehen kann. Den Modernisierungsstau gerade im Hinblick auf ältere mehrgeschossige Mietwohnungsbauten sukzessive in den Griff zu bekommen, ist eine Herausforderung, die der Staat den kommunalen, gemeinnützigen oder genossenschaftlich organisierten Wohnungsunternehmen schwerlich allein aufbürden kann. Es gilt, mit Augenmaß die Wohnqualität über Jahrzehnte vernachlässigter Quartiere wieder herzustellen und dem vielerorts voranschreitenden Leerstand Paroli zu bieten.


Nachteile ausgleichen


Ebenso eine Überlegung wert wäre die steuerliche Absetzbarkeit von Investitionen in die energetische Gebäudesanierung als „Nachteilsausgleich“: Analog zum Denkmalschutz ließen sich Aufwendungen für selbst genutzte Immobilien zehn Jahre lang zu neun Prozent von der Steuer absetzen. Bei vermieteten Gebäuden bestünde acht Jahre lang eine Abzugsmöglichkeit von neun Prozent sowie vier Jahre lang von sieben Prozent der Gesamtsumme. Legt man pro Sanierung einen Kapitalbedarf von 50.000 € zu Grunde, entspräche der Nachteilsausgleich einer Steuervergünstigung von 4.500 € p. a., was sich im Rahmen der heute bereits üblichen steuerlichen Absetzbarkeit von Handwerkerleistungen bewegen würde (20 Prozent des in der Rechnung ausgewiesenen Handwerkerlohns von Max. 6.000 € p. a.).


Schwarzarbeit bekämpfen


Auch anderweitige steuerliche Fördermaßnahmen wie ein Verzicht auf die Mehrwertsteuer oder deren erhebliche Verringerung gegen Vorlage der Handwerkerrechnung beim Finanzamt kämen als Förderwege in Betracht. Der Luxemburger Weg ist auch insofern diskussionswürdig, als auf diese Weise der am Bau immer noch stark verbreiteten Schwarzarbeit – der volkswirtschaftliche Schaden wird pro Jahr auf etliche Milliarden € beziffert – ein Riegel vorgeschoben wird. 


Gemeinsam handeln


Über die Köpfe der Betroffenen hinweg lässt sich weder das Klimaschutzziel der Vereinten Nationen (Kyoto-Protokoll) erreichen noch die Energieeffizienz im Gebäudebestand verbessern, wie es die Europäische Union ihren Mitgliedsländern aufgegeben hat. Es gilt daher, das Thema energetische Gebäudesanierung als gemeinschaftliche Aufgabe in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verankern. Nur auf der Basis gemeinsamen Wollens kann es gelingen, Privathaushalte und Kommunen, Wirtschaftsunternehmen und Verbände, gemeinnützige Körperschaften und kirchliche Organisationen zu den erwünschten Investitionen in Dämm- und anderweitige Sanierungsmaßnahmen am Bau zu bewegen.


Miteinander reden


Unverzichtbar scheint, dass der Bund in enger Abstimmung mit den Ländern, den Kommunen, den baunahen Wirtschaftsverbänden und nicht zuletzt den bauaffinen Verbraucherschutzorganisationen (VPB, BSB, Wohnen im Eigentum, Haus & Grund, Mieterbund und anderen mehr) dauerhafte Anreize (Förderprogramme, Steuererleichterungen) schafft, die über einen mehrjährigen Zeitraum sicher verfügbar und kalkulierbar sind. Das würde die Ernsthaftigkeit des Vorhabens unterstreichen, Deutschland flächendeckend auf ein vertretbares Energiebedarfsniveau zu heben. Zudem könnte ein zielführendes Maßnahmenbündel vertrauensbildend wirken und die Immobilieneigentümer eher zu nachhaltigen baulichen Maßnahmen motivieren als die ständige Verschärfung der Energieeinsparverordnung und ähnlicher Gesetzestexte. Dass von der Existenz der „Enneff“ (EnEV) viele Bundesbürger noch nichts gehört haben, sollte schon zu denken geben. Mit gesetzlichen Verschärfungen zu argumentieren, um Gebäudeeigentümer zu fünfstelligen Investitionen zu veranlassen, ist vor diesem Hintergrund wahrscheinlich keine zielführende Idee.


Kommunikation verbessern


In jedem Fall muss es den politischen Akteuren in Berlin künftig besser gelingen, dem Bürger die Notwendigkeit und den facettenreichen Nutzen energiesparender Sanierungsmaßnahmen nahezubringen. Dabei, so Corinna Merzyn, Geschäftsführerin des Verbandes Privater Bauherren (VPB), müsse man jedoch mit realistischen Daten und Kosten argumentieren, da auch Baulaien zunehmend  zu positive Amortisationszeiten als Schönfärberei erkennen und insofern dann auch den objektiven Nutzen in Zweifel ziehen und gar nicht investieren.


Konkrete Empfehlung


Der richtige Weg ist eine Allianz für Energieeffizienz, um den Zustand aller Wohn-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Zweckgebäude in Deutschland innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens auf ein zukunftsfähiges Energiebedarfsniveau zu bringen. In diesem Sinne hat der BDI in Berlin eine Einladung an alle Interessenten ausgesprochen, sich in die Arbeitsgemeinschaft Bau des Verbandes konstruktiv einzubringen, um gemeinsam praktikable Konzepte zur Steigerung der Energieeffizienz in Deutschland zu entwickeln und sie den politisch Verantwortlichen als ausgewogene Entscheidungsgrundlagen vorzustellen.


 Kontaktadressen:


Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung (BMVBS), Invalidenstr. 44, 10115 Berlin, Web www.bmvbs.de


Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e. V. (AgPU), Am Hofgarten 1-2, 53113 Bonn,
Mail
preusker@agpu.com, Web www.agpu.com


Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. (BDI), Breite Straße 29, 10178 Berlin,
Mail
k.scheel@bdi.eu, Web www.bdi.eu


Verband privater Bauherren e. V., Bundesbüro, Chausseestr. 8, 10115 Berlin,
Mail
merzyn@vpb.de, Web www.vpb.de


Literatur/Bildnachweis Achim Zielke 


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